Grundlagen

Konflikte als soziale Systeme

Im CONIAS Ansatz bestehen Konflikte aus sozialer Kommunikation wie Ankündigungen, Drohungen, Sanktionierungen bis hin zu Kampfhandlungen mit leichten oder schweren Waffen, Bombenexplosionen oder gezielten Tötungen. Aber auch Verhandlungen, Schlichtungen, Mediationen, Friedensschlüsse und andere Abkommen werden zur Konfliktkommunikation gezählt. Insgesamt unterscheidet der Katalog über 200 Einzelmaßnahmen in vier Gruppierungen und zwölf Kategorien.

Jede dieser Kommunikationen hat einen Sender und einen Adressaten. Dieser kann ein Staat oder auch eine private Organisation, im Einzelfall sogar eine Einzelperson, in jedem Fall ein sogenannter nicht-staatlicher Akteur sein. Akteure lassen sich zudem in ihrer Rolle innerhalb des Konfliktes unterscheiden: Direkte Akteure, wenn sie selbst den Konfliktgegenstand für sich beanspruchen und dies kommunizieren, Unterstützer, wenn sie einen oder mehrere der beteiligten Akteure durch finanzielle Zuwendung, militärische Hilfe oder politische Rede unterstützen sowie Vermittler und Mediatoren. Diese haben kein Interesse am Konfliktgegenstand, wollen aber ein Ende der Gewalt oder eine Lösung des Konfliktes erreichen. (Ausführlicher Schwank 2012)

 

Dynamische Abbildung in Zeit und Raum

Die moderne Analyse politischer Länderrisiken verlangt nicht nur eine genaue Beschreibung dessen was droht, sondern auch Antworten auf die Fragen wann und wo Risiken entstehen. Der CONIAS Ansatz löst dieses Problem, indem die Kommunikation zwischen den Akteuren räumlich und zeitlich exakt erfasst und mit einer Intensität bewertet wird. Ein Novum bei CONIAS Risk Intelligence ist, dass auch die räumlichen Dimensionen von Aktionen mit georeferentiellen Daten präzise abgebildet werden können. So kann das Risiko durch politische Konflikte wesentlich exakter kalkuliert werden als bisher.

Definition eines politischen Konfliktes

Politische Konflikte gehören – gerade in Demokratien – zum politischen Alltag. CONIAS will aber nur jene erfassen, die das Potential haben zu einer Bedrohung zu werden oder tatsächliche Einschränkungen der physischen Sicherheit  zur Folge haben können. Folgende Kriterien müssen in einem sozialen System erfüllt sein, damit ein politischer Konflikt nach der CONIAS Methode vorliegt:

  • Widerspruch zu einem politischen Thema: Am Beginn politischer Auseinandersetzungen steht der Widerspruch: ein Beteiligter ist mit einer bestehenden oder neuen Regelung nicht einverstanden und kommuniziert dies. Entscheidend ist, dass dieses „Nein“ sich auf ein politisches, d.h. gesellschaftlich relevantes Thema bezieht. Der CONIAS Ansatz gibt hier zehn mögliche Konfliktgegenstände vor, darunter eine Residualkategorie.

  • Durchsetzungsfähigkeit der Akteure: Die bereits oben genannten politischen Konflikte sind für CONIAS nur dann relevant, wenn sie von Akteuren ausgetragen werden, die tatsächlich durchsetzungsfähig sind oder erscheinen. Durchsetzungsfähig sind oder erscheinen Akteure dann, wenn sie in der Lage sind, dem Gegner so zu schaden, dass er darauf reagiert.

  • Austrag am Rande oder außerhalb etablierter Regelungsverfahren: Viele politische Konflikte zwischen durchsetzungsfähigen Akteuren sind standardisiert. Beispielsweise durch Parlamente, juristische Institutionen oder etablierte Regelungsverfahren wie bei Tarifauseinandersetzungen. Für CONIAS sind politische Konflikte aber dann interessant, wenn sie entweder klar außerhalb dieser etablierten Verfahren ausgetragen werden oder die Gefahr besteht, dass solche Regelungsverfahren verlassen werden.

 

Bestimmung der Intensität für einen bestimmten Zeitraum

CONIAS unterscheidet insgesamt fünf Konfliktstufen, die ein Konflikt erreichen kann.

  • Disput: Das soziale System erfüllt die Grunddefinition des politischen Konfliktes. Das heißt. ein Interessenskonflikt zu einem gesellschaftlich relevanten Konfliktgegenstand zwischen durchsetzungsfähigen Akteuren liegt vor. Der Konflikt wird außerhalb oder im Randbereich etablierter Regelungsverfahren ausgetragen.

  • Nicht-gewaltsame Krise: Wichtigstes Kennzeichen hier ist, dass der Konflikt zwar noch gewaltlos ausgetragen wird, aber mindestens einer der Akteure Gewalt in Aussicht stellt (beispielsweise mit Truppenstationierungen oder Manövern an der Landesgrenze), mit Gewalt droht oder zu dieser aufruft.

  • Gewaltsame Krise:Diese Konfliktstufe ist gewissermaßen der Übergang zwischen Gewaltlosigkeit und Krieg. In dieser Konfliktphase sind vor allem Einzelaktionen zu beobachten wie Ausschreitungen bei Demonstrationen, Bombenanschläge, gezielte Tötungen und ähnliche Handlungen die darauf zielen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Außerdem können Grenzscharmützel oder Überfälle auf Dörfer diese Stufe kennzeichnen. Insgesamt bleiben Umfang der Kampfhandlungen sowie das Ausmaß der Schäden noch auf einem niedrigen Niveau.

  • Begrenzter Krieg: In der Stufe begrenzter Krieg finden bereits zusammenhängende und umfangreiche Kampfhandlungen statt. Meist konzentriert sich jedoch das gewaltsame Konfliktgeschehen auf einzelne oder wenige Regionen. Der Umfang der Kampfhandlungen sowie das Ausmaß der Schäden sind auf einen mittlerem bis hohen Niveau.

  • Krieg: Krieg bedeutet die Einbeziehung der gesamten Gesellschaft einer Region oder eines Landes in den Kampf. Physische Sicherheit ist hier nicht mehr vorhanden. Der Umfang der Kampfhandlungen sowie das Ausmaß der Schäden sind auf hohem oder sehr hohem Niveau.

Zur Bestimmung des Ausmaßes der Gewalt werden folgende Indikatoren herangezogen:

  • Umfang des eingesetzten Personals

  • Art und Einsatz der Bewaffnung

  • Anzahl der Toten

  • Anzahl der Flüchtlinge

  • Ausmaß der Schäden an der Infrastruktur

Zeitliche und räumliche Erfassung der Konfliktintensität

  • Bis 2010 bezog sich die erfasste Intensität bei der kontinuierlichen Datenerfassung stets auf das gesamte Staatsgebiet in dem der Konflikt ausgetragen wurde. Die Dauer bzw. Intensitätsphasen bezogen sich auf den ersten bzw. letzten Tag an dem die am stärksten gewaltsame Maßnahme ausgetragen wurde.

  • Seit 2011 werden die Intensitäten für jede betroffene erste subnationale Einheit eines Staates einzeln und auf für die Dauer eines Kalendermonats erfasst.

Beispielhafter Konfliktverlauf eines Separationskonfliktes

Georeferentielle Verortung des Konfliktaustrags

Die Basis für die Verortung der Intensität politischer Konflikte ist bei CONIAS Risk Intelligence die erste subnationale Verwaltungseinheit von Staaten. So können differenzierte Lagebilder von Konflikten erstellt, Konfliktdynamiken erfasst und sichere Räume ermittelt werden.

Die zweite Ebene zur Bestimmung der geografischen Dimension des politischen Konfliktaustrags ist die einzelne Maßnahme des Konfliktaustrags. Die Ortsangaben werden punktgenau erfasst und können in Verbindung mit der Zeit oder der Art der Maßnahme ausgewertet werden.

Die umstrittenen Güter in einem Konflikt

Die Bestimmung der tatsächlichen Ursachen von Konflikten zu erforschen ist zwar das Ziel vieler qualitativer Arbeiten im Bereich der Konfliktforschung, aber die lange Historie und die hierdurch hervorgerufene Komplexität politischer Konflikte lässt nicht immer eine klare Ursache erkennen, die zudem von allen als solche akzeptiert wird. Eindeutig möglich hingegen ist die Bestimmung der umstrittenen Güter eines Konfliktes: Was ist der Konfliktgegenstand?

Der CONIAS-Ansatz unterscheidet hier zehn unterschiedliche Konfliktgegenstände. Ein Konflikt kann mehrere Konfliktgegenstände ansprechen. Während der Dauer eines Konfliktes kann sich die Anzahl und Art der Konfliktgegenstände in einem Konflikt verändern

  • Ideologie / System

  • Sezession

  • Internationale Macht

  • Territorium

  • Nationale Macht

  • Ressourcen

  • Autonomie

  • Dekolonialisierung

  • Lokale Vorherrschaft

  • Sonstige

 Unterscheidung unterschiedlicher Konflikte in einem Staat / einer Region

Der CONIAS Ansatz zielt auf die Erfassung, Analyse und letztlich auch die Prognose von Konfliktdynamiken. Deshalb ist es wichtig, die Handlungsströme innerhalb eines Landes oder einer Region in die jeweiligen Handlungslogiken zu disaggregieren. Beispielsweise führt die Analyseebene „Staatszerfallkrieg in Ex-Jugoslawien“ zwar zu einem Gesamtüberblick, verhindert aber einen detaillierten Einblick in die unterschiedlichen Entwicklungen dieser Region.

Um Konflikte voneinander abzugrenzen, werden die drei konstituierenden Elemente eines politischen Konfliktes, das angesprochene Thema, die Akteure und die ergriffenen Maßnahmen herangezogen. Nur wenn diese gleich sind, kann von dem selben politischen Konflikt gesprochen werden.